Donnerstag, 14. März 2019
Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?
(Rilke, Die erste Duineser Elegie)

Ich bin tatsächlich nicht zu Hause geblieben, sondern habe drei Tage lang konferenzt.
Gerne hätte ich mir die Stadt näher angesehen, hätte lange Spaziergänge unternommen, um sie mir per pedes zu erschließen, wie ich das so gerne tue. Zeit genug hatte ich ja und der Himmel war blau, die Luft warm und die Stimmung zwar wacklig, aber doch leidlich - zumindest am ersten Tag. Die anderen Konferenzgänger mied ich und war froh darum, mit niemandem sprechen zu müssen. Ich wäre kaum in der Lage gewesen, das nötige Interesse zu heucheln. Dann aber fühlte ich mich einsam und fett und war aufgeregt wegen des Vortrags, den ich erst am dritten Tag zu halten hatte. So ging ich jeden Abend, statt mich in die Großstadt zu stürzen, auf mein Hotelzimmer, wo ich den Stuhl mit meinem Laptop darauf vor das Waschbecken schob, um die einzige Steckdose anzapfen zu können. Über dem Waschbecken hing ein Spiegel, darin versuchte ich morgens und abends zu einem Urteil zu kommen.
Am ersten Abend ging ich hungrig zu Bett, nur um nach dem Aufwachen sofort aufzuspringen und um Punkt 7:00 Uhr als einziger Gast im Speisesaal zu sitzen und Nutella auf meine Brötchen zu schmieren. Dennoch war ich an diesem Punkt noch zuversichtlich, dass ich die drei Tage ohne emotionalen Absturz würde meistern können. Es ging mir gut, dachte ich.
Am Abend des zweiten Tages saß ich heulend in einem Restaurant und sah mir beim Essen zu, angewidert und fasziniert zugleich, dass ich mich wie ein Verhungernder benahm, ja kaum in der Lage war, das Tempo, mit dem ich das Gericht verschlang, zu drosseln, obwohl dazu nach all den Kuchenstücken und der Schokolade, die ich erst kurz zuvor schuldbewusst, aber ohne es stoppen zu können, gegessen hatte, weiß Gott kein Anlass bestand. In Gedanken war ich bereits beim Nachtisch, pardon, den Nachtischen.
Doch ich weinte nicht nur aus Verzweiflung über die momentane Situation, den Kontrollverlust, der, was ich in diesem Moment nicht für möglich gehalten haben würde, erst am nächsten Tag seinen Höhepunkt fand, sondern auch aus einer umfassenderen Traurigkeit heraus, als mir die Tragweite des Ganzen bewusst wurde.
Es beherrschte meine Gedanken. Alle Tage, den ganzen Tag. Egal, ob ich nun zu viel aß oder zu wenig, zunahm, abnahm, mein Gewicht hielt - das alles war im Grunde einerlei, denn was auch immer ich tat, es blieb allgegenwärtig. War es je anders gewesen? Würde es je anders werden?
"Ich will bloß wieder normal sein", sagte ich am Telefon zu O.
Am nächsten Morgen hielt ich den Vortrag. Ich sprach frei, mit lauter, fester Stimme, lächelte viel und gab mich insgesamt fröhlich, wach, engagiert. Mit den anderen Teilnehmern des Symposiums unterhielt ich mich im Anschluss angeregt und vereinbarte Kooperationen. Es fiel mir, wie so oft, erstaunlich leicht, den Schalter umzulegen und mein eigener method actor zu sein. Ich betrat den Raum und spielte mich und sah mir gleichzeitig dabei zu, wie ich mich spielte. Ich verließ den Raum und war wieder ich und sah mir auch dabei zu.
Am Ende des Tages lag ich mit Stichen im Herzen da, Bluthochdruck, ernstlich befürchtend, ich könnte an einem Zuckerschock sterben, was ich jedoch unterließ.

Tatsächlich ging ich tags darauf in den Elfenbeinturm, um mit frischem Elan meine Arbeit zu tun.
Soweit der Vorsatz. Allein, dazu kam es nicht.
Stattdessen verbrachte ich die Nacht von Freitag auf Samstag in einer Notfallaufnahme, unterließ einmal mehr das Sterben und musste einen Psychiater davon überzeugen, dass ich es auch zukünftig so halten wolle.
Es war alles unglaublich erniedrigend, aber ich tröstete mich mit der Gewissheit, dass es mir mehr als recht geschah. Ich habe mich (und das will was heißen) noch nie in meinem ganzen Leben so sehr für mich selbst geschämt wie in den letzten zwei Wochen (die ich krankgeschrieben zu Hause verbracht habe), insbesondere aber an jenem Freitag. Aus diesem Grund bringe ich es auch nicht fertig, darüber zu schreiben. Darum muss dieser Hinweis genügen als Erinnerungsstütze: Ja, das ist wirklich geschehen. Dir geschehen. Du getan.