Mittwoch, 5. Juni 2019
Sehr interessanten Gesprächen gelauscht. Besser noch: daran teilgenommen. Zeit mit anderen verbracht, statt mich so schnell wie möglich in meinem Hotelzimmer zu verkriechen. Konferenz 2.0

Ich bin glücklich, dass ich so sein kann. Ich zögere zu sagen "wieder", denn vielleicht bin ich zum ersten Mal in meinem Leben so wie jetzt, so frei von Symptomen. Pharmaindustrie sei Dank.

Gleichzeitig spüre ich gerade die Sehnsucht aufsteigen, die 2-Uhr-morgens-Traurigkeit. Wenn ich solche Situationen erlebe wie heute, kann ich nicht umhin, mir zu wünschen, ich hätte Freunde. Ich habe Angst, dass ich auf mein Leben zurückblicken und es bereuen werde, diese Art von Verbundenheit mit anderen nie wirklich erlebt zu haben. Ich habe Angst, irgendwann sehr sehr einsam zu sein.

Bevor ich in Selbstmitleid zerfließe, sollte ich mich allerdings daran erinnern, dass die Idealvorstellungen nur in meinem Kopf existieren und ich diejenige bin, die aktiv keine Beziehungen zu anderen Menschen herstellt, der alles schnell viel zu viel wird und die letztendlich - im Realen nämlich - doch lieber alleine bleibt. Das heißt: mit O., denn O. ist der einzige Mensch, auf den ich mich trotz aller Konflikte einlassen kann. Darum ist O. der Ersatz für alles andere. Meine Existenzgrundlage.

Ich habe in letzter Zeit viel über die Grenzen meiner Person und der Art und Weise, wie ich mein Leben eingerichtet habe, nachgedacht. Tief in mir drinnen weiß ich, dass ich nie Freunde haben werde. Bekannte ja, vielleicht irgendwann sogar wieder eine Liebschaft - aber keine Freunde. Gleichzeitig fällt es mir sehr schwer, diese Wahrheit zu akzeptieren. Könnte es nicht doch möglich sein, könnte ich nicht doch plötzlich zu diesem Menschen in meiner Vorstellung werden, der, wie Herr H. sich ausdrückte, bereit ist, den Preis zu bezahlen? Ich weiß, dass die Antwort nein ist - aber sie tut trotzdem ein bisschen weh.
Aus dem gleichen Grund konnte ich keine Mutter haben, keine Großeltern, kann ich meinen Bruder nicht häufiger sehen wollen. Es ist nicht deren Schuld. Es ist nicht meine Schuld. Es ist einfach, wie es ist. Ich kann nicht anders sein und mein Sein ist unvereinbar mit diesen Dingen.

Sex. Noch so ein Ding. Ich glaube, dasjenige, bei dem ich die dumme Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, dass ich es vielleicht doch irgendwie irgendwann geschickt in mein Leben integrieren kann. Am liebsten wäre mir, wenn meine Libido einfach so vergleichsweise niedrig bleiben würde wie momentan, aber das ist extrem unwahrscheinlich. Wenn man fies sein wollte, könnte man sagen, dass ich sie mir vom Hals gehungert habe.

Freundschaft hin, Sex her: Ich bin dankbar, mich selbst zurückbekommen zu haben. Wenn ich zurückdenke, wie ich vor ein paar Monaten gewesen bin, fällt es mir ehrlich gesagt schwer, überhaupt eine Verbindung zwischen den beiden Personen herzustellen.